Hoffentlich: "ver-rückt"
Es gibt Menschen, die kommen mit einem Satz:
„Ich bin doch nicht verrückt.“
Sie sagen ihn ruhig, fast ein wenig entschuldigend.
Als müssten sie sich rechtfertigen, überhaupt hier zu sein.
Und ich verstehe sie.
Denn „verrückt“ ist ein Wort, das wir gelernt haben zu fürchten.
Dabei bedeutet es, wenn man es leise auseinander nimmt, vielleicht nur das:
ver-rückt – ein Stück verschoben.
Weg von etwas. Oder hin zu etwas, das noch keinen Namen hat.
Ich sehe viele Menschen, die ihr Leben gut im Griff haben.
Familie, Arbeit, ein stabiles Außen.
Und doch sitzt da oft etwas zwischen den Sätzen.
Ein Zögern. Eine Müdigkeit.
Ein Gefühl, nicht ganz im eigenen Leben zu stehen.
Manche bleiben damit allein.
Sie sagen: „Das geht schon vorbei.“
Oder: „So schlimm ist es ja nicht.“
Sie finden Wege, sich einzurichten.
In einer Art Sicherheit, die sich still und unauffällig über das Eigene legt.
Und dann gibt es die anderen.
Die, die irgendwann innehalten.
Nicht, weil sie schwach sind –
sondern weil sie es nicht mehr übergehen können.
Sie setzen sich mir gegenüber.
Mit ihrem Satz: „Ich bin doch nicht verrückt.“
Und ich sage nicht, dass sie es sind.
Ich sehe vielmehr, dass sie begonnen haben, sich zu bewegen.
Ein Stück weg von dem, was getragen hat –
und noch nicht ganz angekommen in dem, was wirklich ihres ist.
Meine Aufgabe ist es nicht, sie zurück in eine Spur zu bringen.
Nicht in eine, die von außen richtig aussieht.
Sondern ihnen zu helfen, ihre eigene zu erkennen.
Das braucht manchmal Mut.
Weil wir dabei auch auf das schauen,
was lange keinen Platz hatte.
Auf Sehnsüchte, die unbequem sind.
Auf Wahrheiten, die nicht ins bisherige Leben passen.
Wir gehen diesen Weg mit offenen Augen.
Und so gut es geht, mit einem offenen Herzen.
Und langsam geschieht etwas:
Aus dem Gefühl, „verrückt“ zu sein,
wird ein erstes Verstehen.
Nicht im Sinne von Erklären.
Sondern im Sinne von:
Das gehört zu mir.
Und vielleicht ist das der leise Unterschied:
Es gibt die, die sich verrückt fühlen –
und beginnen, hinzusehen.
Und es gibt die, die sich längst von sich selbst entfernt haben –
ohne es zu merken.
Ich arbeite mit den ersten.
Nicht, weil sie mehr Hilfe brauchen.
Sondern weil sie bereit sind, sich zu finden.
(Monika Fleissner-Sadjak, April 2026)