Am Ende ist alles gut!
Eliot und das Vertrauen
Eliot saß auf einem Stein am Rand eines weiten Weges. Der Abend legte sich sanft über die Hügel, und die Luft war still – so still, dass man fast hören konnte, wie der Tag langsam losließ.
Er zog die Knie an sich und blickte in die Ferne.
„Wann ist es eigentlich gut?“, fragte er leise.
Diese Frage begleitete ihn schon lange. Es gab Tage, da fühlte sich sein Leben rund an, stimmig, getragen. Und dann wieder Tage, an denen alles brüchig war – als würde er durch etwas hindurchgehen, das noch keinen Namen hatte.
Ein alter Mann, der zufällig vorbeikam, setzte sich neben ihn, als hätte er die Frage gehört.
„Du schaust, als würdest du auf ein Ende warten“, sagte er ruhig.
Eliot lächelte schwach. „Man sagt doch: Am Ende ist alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“
Der Alte nickte. „Ein schöner Satz. Aber das Wort Ende macht vielen Angst.“
Eliot sah ihn an. „Mir auch. Ende klingt nach… vorbei. Nach Verlust. Nach Dunkelheit.“
Der Alte schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Vielleicht ist das Ende gar nicht das, wovor du dich fürchtest. Vielleicht fürchtest du nur, zu fallen.“
Eliot runzelte die Stirn. „Und wenn ich falle?“
Der Alte lächelte sanft. „Wie weit kannst du fallen, wenn du getragen bist?“
Diese Frage blieb in der Luft stehen.
Eliot dachte lange darüber nach. Über all die Vorstellungen, die Menschen hatten – über das Danach, über das Nichts, über das Weitergehen. So viele Antworten. So viele Zweifel.
„Ich weiß nicht, was nach dem Tod kommt“, sagte er schließlich.
„Musst du auch nicht“, antwortete der Alte. „Die wichtigere Frage ist: Was trägt dich jetzt?“
Eliot ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Über den Weg, der sich durch das Tal schlängelte. Über das Licht, das noch da war, obwohl die Sonne schon sank.
Langsam verstand er.
Vertrauen bedeutete nicht, alles zu wissen.
Vertrauen bedeutete auch nicht, dass immer alles gut war.
Vertrauen war etwas anderes.
„Es heißt…“, begann Eliot zögernd, „dass ich angenommen bin? So wie ich jetzt bin?“
Der Alte nickte. „Genau das.“
„Auch, wenn noch nicht alles gut ist?“
„Gerade dann.“
Eliot atmete tief ein. Etwas in ihm wurde ruhiger.
Er dachte an sein Leben. An das, was gelang – und an das, was noch offen war. An die Wege, die er schon gegangen war, und an die, die noch vor ihm lagen.
Vielleicht musste nicht alles fertig sein. Vielleicht war er einfach unterwegs.
„Ich glaube“, sagte er leise, „ich möchte so leben, dass ich vertrauen kann.“
Der Alte lächelte. „Und wie sieht das aus?“
Eliot überlegte.
„Mit Mut“, sagte er, „aber ohne mich zu verlieren.“
„Mit Freude, ohne zu übertreiben.“
„Mit Liebe, ohne mich darin aufzulösen.“
„Als ich selbst – ohne allein zu sein.“
„Mit anderen – ohne mich aufzugeben.“
Der Alte sah ihn lange an. Dann stand er auf.
„Das ist ein guter Weg“, sagte er.
„Ist es der richtige?“, fragte Eliot.
Der Alte lächelte noch einmal, dann ging er langsam weiter.
„Du bist auf dem Weg“, rief er über die Schulter. „Mehr braucht es nicht.“
Eliot blieb noch eine Weile sitzen.
Die Sonne war inzwischen fast verschwunden, aber das Licht war noch da.
Und zum ersten Mal fühlte sich das Wort Ende nicht mehr wie eine Drohung an.
Sondern wie ein Versprechen, das noch Zeit hatte.
Eliot stand auf, klopfte den Staub von seiner Hose und ging los.
Nicht, weil alles gut war.
Sondern weil er vertraute, dass es wachsen durfte.
(Monika Fleissner-Sadjak, Mai 2026)